Wer das liest ist doof
Mit der Dummheit ist es so ein Sache: Manche haben sie, andere wieder nicht. Zumindest könnte
man dies glauben. Gerade letztere, die sich nicht in ihrem Besitze wissen (oder wähnen), sie
aber auch nicht unbedingt herbeisehnen, haben selten Mühe, Dummheit und Intelligenz für
zwei miteinander unvereinbare, sich fremd gegenüberstehende Pole zu halten. Wen kümmert's,
dass sich beide innerhalb desselben semantischen Feldes anordnen? Denn diese bedeutsame Gemeinsamkeit, die Dummheit und Intelligenz miteinander teilen, gerät aus dem Blickfeld angesichts des Grabens, der zwischen beiden so tief gezogen wurde, dass sich die Intelligenten vor den Dummen in Sicherheit fühlen (dürfen). Oder die Dummen vor den Intelligenten? Gewiss nicht weniger. So haben wir es hier schon mit einer ersten intelligenten Strategie der Verdummung zu tun: jener arbiträrer Grenzziehungen zwischen Dummheit und Intelligenz.
Unter dem Stichwort "Dummheit" finden wir im Brockhaus die Erläuterung des Begriffs als
allgemeinsprachliche Bezeichnung "für Mangel an Intelligenz, geringe Begabung, herabgesetzte
kognitive Fähigkeiten und Leistungen"; im eigentlichen Sinne stehe der Begriff "für das
(teilweise) Unvermögen oder geminderte Vermögen, logisch zu denken und zu handeln".
[1] Dieser
Definition fügt Meyers Enzyklopädisches Lexikon die Bemerkung hinzu: "die Einschätzung
als dumm ist meist verbunden mit einer moralischen Abwertung".
[2] Dummheit erscheine demgemäss
"überwiegend als leichtes Abweichen von der Norm intelligenten Verhaltens".
[3] Dem intelligenten
Leser der Enzyklopädie wird damit Normalität zugesichert. Ein Glück: Die Dummen bilden
die Ausnahme, die Welt (wie die Enzyklopädie - und nicht nur jene des Jorge Luis Borges) ist
fest in der Hand der Intelligenten. Wie gut geht es doch einer Gemeinschaft (und sei es nur jene der
Enzyklopädie-Leser), die sich selbst als intelligent fühlen darf. Sie tut dies
spätestens seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, als es in der berühmten
Encyclopèdie unter dem Stichwort "imbécille" hiess: "meint jenen, der nicht die Fähigkeit
besitzt, verschiedene Ideen voneinander zu scheiden, sie miteinander zu vergleichen, sie
zusammenzusetzen, auszuweiten oder zu abstrahieren ("d'en faire abstraction')".
[4] Dieses
Räsonnement führt nicht nur auf der Inhalts-, sondern auch auf der Ausdrucksebene vor, dass
Autor und Leser des Enzyklopädieartikels zu den Intelligenten zählen, die Ideen zu
differenzieren, sie in der Abstraktion zu begreifen, vielleicht aber auch einmal von ihnen zu
abstrahieren wissen. Verlassen wir - zumindest vorübergehend - die wohltemperierte
Gemeinschaft der Enzyklopädieleserinnen und -leser mit der Bemerkung, dass sie eine Gruppe zu
bilden scheinen, die strikt jener entgegengesetzt ist, die in frühen Kindheitstagen den damals
noch nicht aufgesprühten, sondern etwas hilflos mit einer aus der Schule stibitzten Kreide auf
Wände aufgemalten und oft mit unsicherer Rechtschreibung ausgeführten Spruch lesen musste:
"Wer das liest, ist doof!"
Der Kannibalismus des Lesens
Wir halten fest: Schreiben kann dazu dienen, eine Gemeinschaft von Intelligenten oder eine
Gemeinschaft von Dummen herzustellen. Meistens wird beides erreicht. Ganz so dumm, wie diese
Erkenntnis scheinen mag, ist sie nicht. Doch lässt sie sich noch weiter treiben. Denn zumeist
wurden (oder werden) die beiden "o"s des erwähnten Sinnspruchs mit einigen wenigen
Kreidestrichen so verziert, dass daraus eine Brille mit runden Gläsern entsteht. War dies nun
objekt- oder subjektbezogen, war damit der (Re-)produzent oder der Rezipient des Satzes gemeint?
Signalisierte dies, dass der kleine Schreiberling der Vertreter (oder gar Träger) der Brille
war, die nach allen Umfragen (laut Auskunft der Optiker) noch immer Intelligenz konnotiert,
[5] oder
aber dass die Brillenträger, die sich zum Lesen dieses Satzes zu allem Überfluss noch
eines Hilfsmittels bedienen müssen, mit jener Gruppe der "Doofen" assoziiert werden, gleichsam
als Strafe für ihre Unfähigkeit, die Dinge direkt zu erkennen? Immerhin: Goyas lesender
Esel hat längst moderne Brillengläser aufgesetzt bekommen. Wir befinden uns hier an einer
Stelle der Unentscheidbarkeit, einer Unbestimmtheitsstelle, die wir tunlichst noch nicht füllen
sollten. Feststellen dürfen wir gleichwohl, dass das Schreiben die anderen für dumm
erklären kann und dass das Lesen nicht unbedingt immer klüger macht. Es sei denn, es
erlaubt uns die Erkenntnis unserer eigenen Dummheit. Dann wäre der anonyme, von immer anderen
Generationen von Schulmädchen und Schulbuben an die Wand gemalte Satz
[6] ein Menetekel, das uns
unheilverkündend daran erinnert, wie begrenzt jene Intelligenz ist, die wir durch Lesen zu
erwerben imstande sind. Ja, mehr noch: Die Anlage des Satzes "Wer das liest, ist doof" verweist auf
die Fähigkeit der Schrift und des Schreibens, semantische Fallen aufzubauen, in denen sich die
Leser ausweglos verfangen. Scheinbar harmlose Sätze können sich als semantische
Spinnengewebe erweisen, die keinen individuellen Urheber, wohl aber individualisierbare Opfer
(und zwar dumme wie intelligente ) kennen. Der von Leser oder Leserin zunächst naiv (also der
impliziten Aufforderung schlicht Folge leistend) angeeignete Satz wendet sich mit seiner Definition
gegen Leser oder Leserin selbst, indem sich das erste Wort des Satzes am Ende konkretisiert und
individualisiert. Der Satz hat die Züge der Leserin angenommen; und gerade darum nimmt am Ende
die Leserin die Züge des Satzes an. Diese semantische Schleife - eine Art Schleife der
Bedeutung - führt eine weitere Strategie der Verdummung vor: die mit dem Ziel einer unbedachten
Aneignung einer (fremden) Aussage, eines Gedankens, einer Überzeugung durch die Leser.
Sätze funktionieren nicht wie Mausefallen - sie schlagen (zumindest zunächst) niemanden
tot. Ihre Wirkung ist intelligenter. Die Leser nehmen gleichsam kannibalisch einen Gedanken in sich
auf, verleiben ihn sich ein, um dann immer weniger erstaunt festzustellen, dass sie ihn selbst
"verkörpern". So hat das Wörtchen "doof" tatsächlich nicht nur eine Brille, sondern
auch ein Gesicht bekommen.
Paradoxerweise verschiebt der Satz "Wer das liest, ist doof" zugleich die Grenzen zwischen Dummheit
und Intelligenz. Denn dumm sind nicht etwa jene LeserInnen, die das Nachfolgende nicht lesen
können, also der in der Schule erworbenen Fähigkeit des Lesens nicht mächtig sind,
sondern gerade jene, die über diese Schulbildung verfügen. Im Gegensatz zu den
(post)modernen Graffiti der Buchstabensimulacra ist eine Alphabetisierung Voraussetzung für
Rezeption wie Produktion dieses Zeichens an der Wand. Wir könnten diesen Gedanken zuspitzen
und behaupten, dass Dummheit geradezu Intelligenz voraussetzt, bildet doch eine keineswegs
herabgesetzte kognitive Fähigkeit und Leistung die Grundlage dafür, der eigenen Dummheit
innezuwerden, sie paradox als einen Mangel an Intelligenz zu begreifen. Diese Erkenntnis der eigenen
Dummheit wird jedoch im Umkehrschluss zu einem Zeichen der Intelligenz, mehr noch: gegen die
Strategie der Verdummung setzt sich eine Strategie der Entblödung in Bewegung, die Intelligenz
inszeniert. Als Strategie der Ent-dummung geht sie gegen die Ver-dummung taktisch so vor, dass sie
sich Dummheit einverleibt, um ihrer habhaft zu werden. Sie bleibt aber nicht bei diesem
kannibalischen Akt stehen. Denn hier erst geht die Taktik in eine Strategie über, indem die aus
der Dummheit entsteht. Daraus ergeben sich zumindest zwei Schlussfolgerungen für uns. Erstens:
Dummheit und Intelligenz gehören zusammen. Zweitens: Jede Verdummung enthält als
Möglichkeit eine Strategie der Entdummung. Und wir erahnen ein Drittes: Jede Strategie der
Entdummung beinhaltet ihre eigene Strategie der Verdummung. Mir scheint, aus Goyas Capricho "Ni mas
ni menos"[7] ließe sich dieselbe dreifache
Lehre, verbunden mit der Selbstdarstellung des Malers
und damit der Selbstbezüglichkeit dieser Erkenntnis, ziehen. Fürwahr. Mit der Dummheit ist
es so eine Sache. Dummheit hängt nicht von der Größe der Eselohren ab.
Wo Dummheit ist, muss Intelligenz werden
Im Verhältnis zwischen Dummheit und Intelligenz kann die Abweichung von der Norm in zweierlei
Hinsicht bestimmt werden. Dummheit kann als negative Intelligenz aber auch als positive Abweichung
erscheinen. Das Problem bei derartigen Vorstellungen von Abweichung ist simpel: In jedem Falle sind
die Dummen die Dummen. Das aber wäre eine Tautologie und damit - folgen wir Roland
Barthes - nicht weniger dumm als die Formel weder - noch des "ni ...ni" etwa in Goyas erwähntem
Capricho. Grund genug, angesichts derartiger Eseleien einen Prozess der Entdummung in Gang zu
setzen.
In einem vor kurzem erschienen Essay ist Heinz Schlaffer den Gründen für seine zutreffende
Beobachtung nachgegangen, dass mittlerweile Roland Barthes' "Schriften - die wissenschaftlichen wie
die literarischen - als klassisch" gelten und die Texte von dem auf ihren Autor gefallenen Verdacht
freigesprochen werden, "wendig den Moden seiner Zeit zu folgen",
[8] Für den Rang, so Schlaffer,
"der Barthes zukommt, kann nicht den Ausschlag geben, ob er sich bestimmten, vor allem heute
siegreichen Tendenzen zuordnen lässt". Daraus folgert der Verfasser dieses Essays über
"Roland Barthes" Intelligenz":
Rechtmäßige Voraussetzung für die fortdauernde Beschäftigung mit seinen
Gedanken ist ihre außergewöhnliche Intelligenz. Ihre Stärke zeigt sich daran, dass
sie selbst den widerstrebenden Leser zu befremdlichen neuen Einsichten in bislang vertraute
Erscheinungen des Alltags und oft erprobte Wirkungen der Kunst bewegt. Lässt sich diese
Intelligenz beschreiben, gar begründen?[9]
In der Folge hat Schlaffer den Versuch unternommen, diese Frage mit Hilfe einer Analyse bestimmter
Texte des französischen Literaturtheoretikers und Essayisten positiv zu beantworten. Dabei
werden für Barthes' Schreiben konstitutive, in der umfangreichen Forschungsliteratur bereits
vielfach diskutierte Techniken und Verfahren aufgezeigt. Ein von den Texten ausgelöster Effekt
der Verblüffung und Plötzlichkeit steht im Zentrum der von Barthes intendierten und von
Schlaffer nachgezeichneten Wirkungsweise, die gerade auch den "widerstrebenden Leser" beeinflusst.
Verbunden mit der Plötzlichkeit des Zuschnappens, zeichnet sich hier eine Funktionsweise ab,
die durchaus jener der semantischen Falle ähnelt, die uns zu Beginn unserer Überlegungen
beschäftigte. Eine Falle - so ließe sich nun präzisieren - baut sich auf einem
Gefälle zwischen dem Wissensstand des Fallenstellers und jenem des Opfers auf. So
überrascht es nicht, dass Schlaffer (freilich mit gänzlich anderer Blickrichtung) im
Akt der Veröffentlichung die Ausdrucksform eines Gefälles erkennt, das gleichsam als
Konstante jedweder Publikation Geltung beanspruche: "Wer publiziert, setzt ein Gefälle des
Wissens zwischen sich und den anderen voraus."[10]
Diese Überzeugung betrifft
selbstverständlich die Veröffentlichung des Essays über Roland Barthes' Intelligenz
selbst, setzt also voraus, dass diese noch nicht in ausreichendem Maße erkannt wurde. Eben
diese Arbeit (wie die ihr zugrundeliegende Überzeugung) soll hier problematisiert und in
anderer Weise fortgesetzt werden. Dabei geht es nicht zuletzt um das von Schlaffer angenommene
"Gefälle des Wissens" und damit um die Konstruktion des wissenschaftlichen Subjekts - und
dessen Fallhöhe.
Ausgehend von Roland Barthes par Roland Barthes (dt. Über mich selbst) und Le plaisir du
texte (dt. Die Lust am Text), kommt Heinz Schlaffer zu der Erkenntnis, dass "Intellektualität"
im Unterschied zu "funktionaler Intelligenz" eine "dargestellte Intelligenz"
[11] sei. Schreiben sei
mithin "die beste Manifestation für eine solche Intelligenz"
[12] etwa in den Mythen des Alltags
als eine positive Abweichung von der Norm darstellt und daher mehr oder minder isoliert der
verbreiteten, normbildenden Dummheit der Anderen feststellen. Beide sind unmittelbar miteinander
verbunden und ergänzen sich selbstverständlich. Intelligenz erscheint im Sinne Schlaffers
als ein prononciertes Wissensgefälle, das sich im Augenblick plötzlicher Evidenz
entlädt und der Dummheit ihre eigene Dummheit vorführt, die Tag für Tag unbewusst
gelebten Mythen aufgreift und enttarnt. Intelligenz und Dummheit stehen so einander als Pole einer
binären Opposition gegenüber, die im besten Falle nur durch die Kraft stetig
vorrückender Intelligenz kassiert werden kann. In Abwandlung Freuds könnten wir von einer
Urszene der Intelligenz sprechen, die darauf abzielt, dass Intelligenz sei, wo vorher Dummheit war.
Unübersehbar ist nicht nur die narzisstische Dimension eines solchen Begehrens (indem die
Triebhaftigkeit des Es mit der Dummheit der Masse gleichgesetzt und der Intelligenz des Ich
gegenübergestellt wird), sondern auch die Verbindung einer derartigen Überzeugung mit
der Vorstellung von der Rolle der "Intellektualität" als aufklärerischer Potenz, als
Teil eines aufklärerischen Projekts, dem sich die Mythologies Roland Barthes' zweifellos
zuordneten. Funktion und Selbstverständnis des Intellektuellen gehen hier mit der Konstruktion
des wissenschaftlichen Subjekts Hand in Hand. Mit einer derartigen Deutung von Barthes' Intelligenz
besitzen wir jedoch bestenfalls die halbe Wahrheit. Denn für Barthes selbst war die Sache mit
der Dummheit wesentlich komplexer.
Ein einziges Projekt: meine eigene Dummheit zu ergründen
Schon in seinem Vorwort zur Erstausgabe seiner Mythologies hatte sich Barthes die Frage gestellt,
ob es nach all den von ihm verwirklichten Aufdeckungen und Enthüllungen, die er in seinen
kurzen ideologiekritischen Texten bewerkstelligte, nicht auch eine Mythologie des Mythologen, also
eine Infragestellung der eigenen Position überlegener Einsicht, geben müsse. Er stellte
sich die Frage zwar, stellte sich ihr aber nicht. Denn Barthes räumte eine solche Notwendigkeit
wohl ein, verstellte (oder deplazierte) aber dann listig das Problem, indem er darauf aufmerksam
machte, dass es für ihn keine natürliche Grenze zwischen der Objektivität des
Wissenschaftlers und der Subjektivität des Schriftstellers gebe.
[13] Damit rückte er die
Konstruktion des wissenschaftlichen Subjekts und mehr noch wissenschaftlicher Subjektivität in
den Vordergrund. Gleichwohl entzog er sich in der Folge nicht dauerhaft der Problematik, wer denn
die Mythen des Mythenlesers ihrerseits entmythisierte. Dadurch setzte er - wie zu zeigen sein
wird - das Verhältnis zwischen Intelligenz und Dummheit, das auf den ersten Blick als so
statisch erschien, in Bewegung. Für Roland Barthes war die Dummheit kein ihm
äußerliches, nur den anderen zugeordnetes Attribut, sondern beinhaltete vielmehr eine
Problematik, deren produktive Umsetzung sich faktisch über sein gesamtes Lebenswerk erstreckte
und doch nie in jenes Buchprojekt einmündete, das er in einer auf den 22. Juli 1977 datierten
und noch zu Lebenszeiten veröffentlichten Notiz skizzierte. Dieses Vorhaben sollte den Abschluss
einer Trilogie bilden, deren erste Teile er mit Roland Barthes par Roland Barthes und Fragments
d'un discours amoureux (dt. Fragmente einer Sprache der Liebe) in den Jahren 1975 und 1977 vorgelegt
hatte. Barthes umschrieb dieses Projekt wie folgt:
Seit einigen Jahren, so scheint es, nur noch ein einziges Projekt: meine eigene Dummheit zu
ergründen oder, besser noch, sie zu sagen, sie zum Gegenstand meiner Bücher zu machen.
Auf diese Weise habe ich die "egoistische" Dummheit und die verliebte Dummheit gesagt. Es bleibt
eine dritte Dummheit, die es sehr wohl eines Tages zu sagen gilt: die politische Dummheit. Was ich
politisch über die Ereignisse denke (und etwas denke ich darüber unablässig), von
einem Tag auf den anderen, ist dumm. Diese Dummheit gilt es nun im dritten Buch dieser kleinen
Trilogie zum Ausdruck zu bringen; eine Art Journal politique. Es bräuchte einen enormen Mut,
doch könnte dies vielleicht jene Mischung aus Langeweile, Angst und Empörung exorzisieren,
die für mich das Politische (le Politique) - oder vielmehr die Politik (la Politique) -
darstellt.[14]
Wenn es auch nie zum Abschluss dieser "trilogie de la bêtise" kam, so ist es doch deutlich, dass
die Dummheit für Roland Barthes nichts ihm Äußerliches darstellte, sondern dass sie
von ihm selber immer wieder von neuem Besitz ergriff. In diesem Sinne stellte sie für sein
Schreiben eine ständige Herausforderung und Antriebskraft dar, wobei die "écriture"
nicht nur in obigem Zitat in der Form der Buchpublikation in ein spannungsvolles Verhältnis
zum (egoistischen, amourösen oder politischen) Denken tritt, das eben "bête" sei. Die Dummheit
ist für Barthes weit mehr als eine Herausforderung: sie ist ein Faszinosum. So heißt es
in Roland Barthes par Roland Barthes unter dem Stichwort "Über die Dummheit habe ich kein
Recht...":
Aus einem Musikspiel, das er wöchentlich auf Ultrakurzwelle hört und das ihm "dumm"
vorkommt, zieht er das Folgende: die Dummheit wäre demzufolge ein harter und nicht spaltbarer
Kern, ein Urzustand (primitiv); Nicht daran zu denken, sie wissenschaftlich auseinander zunehmen
(denn wäre eine wissenschaftliche Analyse der Dummheit möglich, würde das ganze
Fernsehen zusammenbrechen). Was ist sie? Ein Spektakel, eine ästhetische Fiktion, vielleicht
ein Phantasma? Vielleicht haben wir Lust, uns selbst ins Bild zu setzen? Es ist schön,
erstickend, seltsam; und von der Dummheit hätte ich letztlich allein das Recht, das Folgende
zu sagen: sie fasziniert mich. Die Faszination wäre just das Gefühl, das mir die Dummheit
eingeben soll (spricht man ihren Namen aus): Sie umschlingt mich (sie ist unbehandelbar), nichts hat
Schlagrecht über sie, sie zieht jeden in ihr Händeklatschspiel.
[15]
Ich bin doch nicht blöd
In diesem Zitat von 1977 erscheint die Dummheit als harter Kern, als etwas nicht mehr
Auflösbares, das durch keine Analyse, durch keine Scheidekunst mehr in seine Bestandteile
zerlegt werden kann. In den fünfziger Jahren, als Barthes seine kleinen Mythen des Alltags
für verschiedene französische Periodika verfasste, hatte er dieses Problem noch ganz
anders gesehen. Denn in diesen Kurztexten sowie in dem auf September 1956 datierten zweiten Teil,
Der Mythos heute (Le mythe, aujourd'hui), schrieb Barthes so beseelt, als ginge es darum, in
einem Kreuzzug der Zeichendeutung die Dummheit mit Stumpf und Stil auszurotten. Keine Handlung
oder Geste des Alltags, keine politische Floskel oder kulturelle Selbstverständlichkeit waren
vor ihm sicher, nichts schien sich seinem ideologiekritischen Blick entziehen zu können, wobei
das mit spitzer Feder und per "êcriture courte" Aufgespießte dann im zweiten, theoretischen
Teil mit Hilfe eines neuerworbenen wissenschaftlichen Instrumentariums genüsslich seziert
wurde. Seit die Mythologies erstmals 1957 in Buchform erschienen, haben sie ihre Leser
fasziniert - vielleicht gerade, weil zu spüren war, wie sehr die Dummheit (in der Form dessen,
was er den Mythos nannte) den Autor dieses Bändchens selbst in ihren Bann schlug.
In seinen blitzgescheiten Überlegungen über "diesen alten obskurantistischen Mythos,
dem zufolge eine Idee schädlich ist, solange sie nicht vom "gesunden Menschenverstand" und
vom "Gefühl" her kontrolliert ist",[16]
machte er auf ein bereits in Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit
herausgearbeitetes Verfahren der Kritik aufmerksam, sich dumm zu
stellen und die Einheit mit dem Leser gegen das Neue, das Unerhörte zu suchen. Diese Strategie
der Verdummung beruht darauf, dass die Kritiker und Leser gleichermaßen davon überzeugt
sind, intelligent zu sein. Wenn sie das Andere nicht verstehen, dann muss eben dieses Andere
(für Barthes damals die zeitgenössische Philosophie, die Psychoanalyse oder die
marxistische Ästhetik) dumm sein. Der von Barthes sezierten Taktik, sich im Namen des
gesunden Menschenverstandes für dumm zu erklären, gerade um die vorgetäuschte
Dummheit auf den besprochenen Gegenstand zu übertragen (und diesen damit zu disqualifizieren),
setzt der Autor von Le degré zéro de l'écriture (dt. Am Nullpunkt der
Literatur ) eine Position entgegen, deren Kern sich in strikter Opposition wie folgt formulieren
ließe: "Ich bin zu intelligent, um das nicht zu verstehen". So wird die Position des
wissenschaftlichen Subjekts, das sich einer in der Gesellschaft grassierenden Dummheit
entgegenstemmt, markiert. Allgemeiner noch ließe sich behaupten: Seit jeher ist der Satz
"Ich bin doch nicht blöd" Ausgangspunkt nahezu aller, die sich aufmachen, Strategien der
Verdummung zu enttarnen. Und doch, so zeigt uns die späte Einsicht in Barthes' Zitat von
1977, ist die Sache mit der Dummheit noch vertrackter. Wie könnte man aber an der Dummheit
"harten Kern" herankommen?
Wenn man die Essais critiques als kritische Versuche über die Moderne bezeichnen kann,
[17] so lassen sich die Mythologies als
(ideologie-)kritische Versuche über die Dummheit in der Moderne lesen. In seiner Rede zur
Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1969 hat Alexander Mitscherlich von der
"Begabungsdummheit" die "anerzogene Dummheit" geschieden, jene "sorgfältig durch Erziehung
zu Vorurteilen herbeigeführte Dummheit", die "leider massenhaft" auftrete.
[18] Das scheinbar Unausrottbare der Dummheit,
der sich dieser recht paradox zu einer Symbolfigur der deutschen 68er-Generation avancierte
Psychoanalytiker nicht weniger entgegenstemmte als den "andauernden Erschwernissen beim
Herstellen von Frieden", erklärt sich zumindest in der Moderne aus ihrer Massenproduktion
durch die verschiedenen Instanzen von Erziehung und Bildung. Es zeugt meiner Ansicht nach nicht
von kritischer Intelligenz, daraus die heute immer häufiger anzutreffende Konsequenz zu
ziehen, künftig auf eine allgemeine höhere Schulbildung zu verzichten und vielmehr
auf eine gesellschaftliche Elite zu setzen. Auch für Mitscherlich wäre eine solche
Schlussfolgerung absurd gewesen, selbst wenn für ihn Dummheit - nicht zuletzt vor dem
Hintergrund jener politischen Ereignisse, die sein Leben maßgeblich prägten - längst
zu einem Massenphänomen geworden war. Freilich: Wenn Intelligenz als positive Abweichung von
der Norm verstanden wird, liegt der Ruf nach Elitenbildung und Elitenförderung nahe. Sehnsucht
nach der Elite setzt ein Verständnis von Intelligenz als positiver Abweichung, ja als
Ausnahmefall geradezu voraus.
André Glucksmann, den nicht allzu viel mit dem deutschen Psychoanalytiker einer
früheren Generation zu verbinden scheint, sah in seinem Buch über die Dummheit
(La bêtise) letztere ebenfalls als ein Massenphänomen, das gerade in der Moderne um
sich gegriffen habe. Seine "Verteidigung des Intellektuellen" geriet dennoch nicht zu einem
Plädoyer für die Intelligenzia im Sinne einer gesellschaftlichen Elite, wie sie in den
desillusionierten neunziger Jahren gerade in Deutschland gefordert wird. Dem Intellektuellen kommt
vielmehr die Funktion eines gesellschaftlichen Korrektivs zu, das allzu simplen, allzu beruhigenden
Denkvorstellungen entgegentritt. Man werde mit der Dummheit, so der französische
Intellektuelle, "nicht so leicht fertig" und träume vergeblich davon, "ihr die Kehle
durchzuschneiden, denn sie besitzt mehrere Köpfe".
[19] Auch bei Glucksmann findet sich freilich
eine nicht nur bildungspolitische hochproblematische Verbindung zwischen Dummheit und Masse: "Die
Dummheit ist ihrem Wesen nach demokratisch und erheischt die Mitarbeit aller", eine
Einschätzung, die Glucksmann wenige Jahre vor dem Fall der Mauer auf die aktive oder passive
Mitarbeit des Westens an der Entstehung und Verfestigung totalitärer Systeme im Osten
münzte. So umstritten Glucksmanns politische Bewertungen auch sein mögen: aus unserer
Sicht begehen sie zu mindest nicht die Dummheit, Dummheit allein den anderen zuzuschreiben. Gegen
die seit dem 19.Jahrhundert "steigende Flut der modernen Dummheit"[20] setzt er eine schlichte
Erkenntnis: "Dummheit - das sind wir."
[21]
Die Tatsache, dass Dummheit in aller Regel intelligent
auftritt - "Ich bin doch nicht blöd" ist längst auch zu einem Satz geworden, mit Hilfe
dessen wohl nicht zufällig für moderne Medien der Massenkommunikation geworben wird -,
bestärkt Glucksmann nur in der Auffassung, keinen Graben zwischen den Intelligenten und den
Dummen zu ziehen:
Wie Sand am Meer gibt es sie, die Beispiele für Dummheit, täglich nehmen sie zu und
bestärken uns in der Illusion, wir seien unbeteiligte Beobachter. Aber es gibt keine Dummheit,
die nicht auf irgendeine Weise auch die unsere wäre, und so wird der Wunsch, sie von Grund auf
zu verstehen, von der Sorge hintertrieben, sich vor ihr zu schützen.
[22]
Eines ist nun klar: Intelligenz bietet keinen dauerhaften Schutz vor Dummheit. Daher sollten wir
weder die Dummheit noch die Strategien der Verdummung den nur Intelligenten (im Sinne einer Elite)
überlassen.
Die Dummheit ist immer und überall
In seinen kritischen Versuchen über die Dummheit in der Moderne hatte Roland Barthes 1957 noch
nicht auf die Grenzziehung zwischen Dummheit und Intelligenz, zwischen gesellschaftlich
hergestellter Dummheit und aufklärerisch-ideologiekritisch agierender Intellektualität
verzichtet. Den Begriff des "Mythos" können wir in seinen Mythologies vielfach - wenn auch
nicht immer - mit dem der Dummheit, oftmals mit dem der politischen Dummheit beziehungsweise
Verdummung gleichsetzen. Im Abschnitt Der Mythos rechts (Le mythe à droite), der nicht umsonst wie
eine identifikatorische Replik auf den Titel des zweiten Teiles, Der Mythos heute, klingt und auf
der Behauptung basiert, dass der Mythos im damaligen Frankreich fast ausschließlich im
politisch rechten Lager[23] zu finden sei, versucht
Barthes, den Mythos auf den Begriff und damit zur
Strecke zu bringen. Er konstruiert dabei eine Rhetorik der Figuren des Mythos, die sich sehr wohl
als eine Rhetorik von Figuren der Dummheit verstehen und in ähnlicher Weise begreifen lässt
wie jene Figuren des Liebenden, die Barthes 1977 in Fragmentes d'un discours amourex choreographisch
um sich versammelte. Die Bezüge zwischen jenem Buch der bêtise amoureuse und den
Mythologies, die sich als Sammlung der bürgerlichen Dummheit, der "bêtise bourgeoise",
lesen lassen, sind offenkundig, heben aber noch nicht die Undurchdringlichkeit der Grenze zwischen
Dummheit und Intelligenz sowie zwischen Objekt und Subjekt auf.
Sieben Hauptfiguren des Mythos werden von Barthes aufgelistet
[24] und repräsentieren sieben
Strategien der Verdummung. Dabei handelt es sich im einzelnen um das Serum (eine Art Immunisierung
des kollektiven Imaginären), die Entziehung der Geschichte (im Mythos verflüchtigt sich
das Historische), die Identifizierung (das Andere wird stets auf das Selbe zurückgeführt),
die Tautologie (die Definition desselben durch dasselbe), das Weder- Noch (das Verwerfen zweier
miteinander in Beziehung gesetzter Gegensätze), die Quantifizierung der Qualität (eine
verbreitete Intelligenzsparmaßnahme) sowie die Feststellung (die Tendenz des Mythos
beziehungsweise der Dummheit zum Sprichwort und zur Universalisierung). Damit liefert der
Mythenkritiker und Semioklast - und dies ist bislang nicht ausreichend erkannt worden - sieben
Rezepte zur Herstellung von Dummheit und zugleich zum Erkennen hergestellter Dummheit. Damit kann
Barthes belegen, dass (zumindest im rechten Lager) die Dummheit - wie das Böse - immer und
überall ist; und zum anderen scheint er sich zum damaligen Zeitpunkt der Vorstellung
hinzugeben, dass man mit einem auf die Alltagskultur angewandten Strukturalismus nunmehr über
ein Werkzeug verfüge, mit dem man ein für allemal derartigen Formen der Dummheit den
Garaus machen könnte.[25] Das war intelligent
analysiert, brillant formuliert, aber leider ein
wenig kurz gedacht. Denn Dummheit und Intelligenz lassen sich so einfach nicht einander
gegenüberstellen. Und selbst wenn uns dies gelänge: Sehen sie sich erst in die Augen,
so ist es schon um sie (und um uns) geschehen. Wir sollten uns also davor hüten, wie Goyas
Esel allzu früh "Brabisimo" zu rufen: Denn hinter unserem Rücken wurde längst eine
neue Verdummung in Szene gesetzt. Nehmen wir daher einen neuen Anlauf. Dies tat auch Barthes.
Die Mythen des Alltags sind nicht nur ein höchst unterhaltsames Buch, sondern beinhalten ohne
jeden Zweifel eine brillante Kritik der bürgerlichen französischen Gesellschaft, die in
anregender Methodologie dem Strukturalismus neue, historisch bestimmte Räume erschloss.
Dreizehn Jahre später jedoch stellte Barthes seinen Mythologies ein Vorwort voran, das in
einem veränderten historischen Kontext die Akzente anders setzte und nun angesichts der
Entwicklung der Semiologie die "Befreiung des Signifikanten"
[26] und nicht mehr die Entmythisierung
einer entfremdeten (klein-)bürgerlichen Kultur in den Vordergrund rückte. Denn Barthes
hatte erkannt, dass die Mythen des Kleinbürgertums in den Mythos vom Kleinbürgertum
umgeschlagen waren. In einem Interview mit der Zeitschrift Tel Quel räumte Barthes 1971 ein,
"systematisch en bloc eine Art Monstrum geschaffen zu haben", das er Kleinbürgertum nannte,
um daraus einen Mythos herstellen und "unaufhörlich auf diesen Block einschlagen" zu
können.[27] Damit wird aber deutlich, dass sich
die Rede von der hergestellten Dummheit und als
eine von Barthes selbst inszenierte Dummheit in einem doppelten (wenn auch von Mitscherlich nicht
vorgesehenen) Sinne verstehen lässt: als eine vom (Klein-)Bürgertum hergestellte,
anerzogene (also gesellschaftlich vermittelte) Dummheit und als eine von Barthes selbst inszenierte
Dummheit, vor deren dunklem Hintergrund Intelligenz und Schärfe des Mythenkritikers sich nur
um so stärker und brillanter abhoben. Barthes rekonstruierte (und konstruierte) zahlreiche
Strategien der Verdummung, um damit seine Strategien der Entdummung deutlicher vorführen zu
können. Auf Dauer war der Dummheit damit freilich nicht der Garaus zu machen. So zog er in
den siebziger Jahren die Konsequenz aus seiner früheren Behandlung von Strategien der
Verdummung, indem er die eigenen Strategien der Entdummung ihrerseits einer Kritik unterzog, die
das Problematische, das Dumme in ihrer Intelligenz, hervortrieb. So lesen wir in seinem Buch
über die "bêtise égoiste", Roland Barthes par Roland Barthes:
Sehr häufig geht er vom Stereotyp aus, von der banalen Meinung, die in ihm ist (qui est en lui).
Und da er (aufgrund eines ästhetischen oder individualistischen Reflexes) nichts davon will,
sucht er nach etwas anderem; gewöhnlich wird er schnell müde und bleibt bei der simplen
Gegenmeinung, beim Paradoxon, bei dem, was das Vorurteil mechanisch negiert, stehen (zum
Beispiel: "eine Wissenschaft gibt es nur vom Partikulären"). Letztlich unterhält er mit
dem Stereotyp wechselseitige, familiäre Beziehungen.
Es geht um eine Art von intellektuellem dêport (von Sport), ein Deportieren. Er wechselt
systematisch dorthin, wo es zu einer Verhärtung der Sprache, zu einer Konsistenz, zu einer
Stereotypie gekommen ist. wie eine wachsame Köchin hantiert er herum, wacht darüber, dass
die Sprache nicht dickflüssig wird, dass sie nicht gerinnt. Diese Bewegung rein formaler Natur
zeigt die Fortschritte und Rückschritte des Werkes an. Es handelt sich um eine rein sprachliche
Taktik, die sich in der Luft vollzieht, außerhalb jeglichen strategischen Horizonts. Das Risiko
besteht darin, dass sich das Stereotyp historisch, politisch deplaziert und man ihm wohin auch immer
folgen muss: Was tun, wenn das Stereotyp nach links wechselte?
[28]
Aus der Strategie ist eine Taktik geworden. Nur so kann sie als Taktik wieder in eine Strategie
eingebunden werden, die gewitzter ist, weil sie ihrer Dummheit innewurde. Die Dummheit geht damit
ein in die Konstruktion des (wissenschaftlichen, schreibenden) Subjekts, ein ebenso unerhörter
wie ungehörter Vorgang. Die von Barthes gewählte gastronomische Metaphorik ist angesichts
der Einverleibungproblematik keineswegs fehl am Platze.
Der Bildschirm lacht
In der zeitgenössischen Medienkritik verkörpert das Fernsehen seit langem die
gesellschaftliche GAD, die größte anzunehmende Dummheit. Wie wir sahen, mutmaßte
schon Roland Barthes, das Fernsehen würde in sich zusammenstürzen, wäre eine
wissenschaftliche Analyse der Dummheit möglich. 25 Jahre später sind die
Fernsehbildschirme noch immer nicht implodiert; so ist es nicht verboten, sich Gedanken über
die Dummheit mancher wissenschaftlichen Analyse zu machen. Denn an derlei Versuchen hat es nicht
gefehlt. Auf besonders erfolgreiche und mediengerechte Weise unternahm es Neil Postman Mitte der
achtziger Jahre, eine Medienanalyse vorzulegen, die dem Zeitalter einer Dominanz der Schriftpresse,
eines "Age of Exposition" und einer "Typogaphic Mind", eine Welt des Fernsehens entgegenstellte,
die er als "The Peek-a-Boo World" kennzeichnete[29]
und zugleich abqualifizierte. Die Botschaft,
dass sich die Welt vermittels der ständigen Medienpräsenz Postmans nicht nur durch das
Buch, sondern im Medium Fernsehen selbst. Das erscheint nicht anders als "natürlich" - im
Sinne Barthes' selbstverständlich, also in der Form einer Verwandlung von Geschichte in
Natur -, sind Medienkritiker selbst zumeist nicht nur Medienspezialisten, sondern im Zeitalter
des Show-Geschäfts, des "Age of Show Business", auch Medienstars. Dies gilt für Postman
nicht weniger als für Glucksmann, für Bourdieu nicht weniger als für Barthes.
Wären sie es nicht, nur wenige würden je von ihrem kritischen Denken erfahren. Die
performative Kompetenz, die den Intellektuellen im Medienzeitalter ausmacht, erstreckt sich
gerade auf den Umgang mit den Medien. Nur mit der Geste der (inszenierten) Intelligenz ist
die (hergestellte) Dummheit anzuprangern - und breitenwirksam zu verkaufen. In der Formel
"now...this" - als Markierung des Übergangs zwischen unterschiedlichsten Berichten und
Ausstrahlungen - macht Postman jene Mechanik medialer Radio- und Fernsehpräsentation aus, die
es nicht mehr erlaube, Gedanken auszudenken.[30]
An die Stelle des Denkens sei das Lachen getreten,
dessen Grund man sofort wieder vergesse (wenn man ihn denn jemals erfuhr). Nicht auszudenken,
würden die Medienkritiker der Industriestaaten bei ihrer Fernsehschelte ihre Kritik in die
Tat umsetzen. Doch längst haben wir alle unsere eigenen Strategien medialer Entdummung
gelernt. Über wessen Dummheit kann wer lachen? Wer hat angesichts seiner Intelligenz gut
lachen? Und überhaupt: Wer lacht eigentlich im Fernsehen?
Fast zeitgleich mit Postmans Studie machte Jean Baudrillard in seinem den USA gewidmeten
Bändchen darauf aufmerksam, dass das Lachen im nordamerikanischen Fernsehen längst den
Chor der antiken Tragödie ersetzt habe.[31]
Woanders überlasse man dem Fernsehzuschauer
noch das Lachen. In den Vereinigten Staaten aber sei das Lachen zu einem Teil des Spektakels
selbst geworden: "Nun ist es der Bildschirm, der lacht und sich amüsiert. Ihnen aber bleibt
nichts als Konsterniertheit."[32] Damit radikalisiert
Baudrillard nicht nur Postmans Gedanken,
sondern bietet uns zugleich auch eine Möglichkeit, die Dummheit im Sinne des späten
Barthes als ein "spectacle" zu verstehen, das sich kannibalisch alles einzuverleiben imstande ist.
Jahre vor der Erfahrung des Golfkrieges konnte Baudrillard darauf verweisen, dass in den USA die
Kriege auch im Fernsehen ausgetragen werden. Denn die "Amerikaner", so Baudrillard, verfügen
über "zwei essentielle Waffen: die Luftwaffe und die Information".
[33] Ähnlich wie der
Barthesche Mythos kann sich das Fernsehen alles einverleiben und in ein Spektakel verwandeln, das
in der Tat der Logik des "Now...this" folgt.[34]
Während wir Neil Postmans Haltung vielleicht am besten mit der eines Warnenden und Baudrillards
Gestus eher mit dem eines Philosophen vergleichen dürfen, der einzelne Fragmente einer Welt der
Simulcra - ähnlich wie in seinen Photographien - porträtiert und präsentiert, ist die
Position (und sicherlich nicht nur die Pose) Pierre Bourdieus die eines Intellektuellen im modernen,
nicht umsonst stark französisch geprägten Sinne. Allen gemeinsam ist jedoch, dass sie
unverkennbar - und in einem doppelten Wortsinn - auf der Seite der Intelligenz stehen. Erst von
hier aus gewinnt ihre Konstruktion der eigenen wissenschaftlichen Subjektivität an Profil. Die
Dummheit ist ihnen Gegen-Stand, sie tritt ihnen objektiviert entgegen. Dummheit taucht nur als
Dummheit der jeweils anderen (beziehungsweise von ihnen selbst nicht zu verantwortender Strukturen)
auf.
Von diesen drei Vertretern der Intelligenz ist zweifellos Bourdieu dem Barthes der Mythologies
am nächsten, kommt es ihm doch nicht nur darauf an, die Welt verschieden zu interpretieren,
sondern mehr noch zu verändern. Dabei ist es durchaus verwunderlich, dass sich der
französische Soziologe - wenn auch nicht explizit - auf Barthes bezieht und an diesen
anknüpft, hatte er doch in früheren Jahren recht häufig das Denken des Autors
von Critique et vérité (dt. Kritik und Wahrheit) sehr kritisch, ja disqualifizierend
beleuchtet. Nicht zufällig hatte er in Homo academicus einen bekannten, aus der Feder
Barthes' stammenden Begriff aufgespießt, indem er weiten Teilen der Semiologie und
weiteren "phantasmagorischen" Bereichen der "sciences de l'homme" pauschal einen "effet de
science", mithin einen "Wissenschaftlichkeitseffekt", unterstellte.
[35] In seiner Mitte der
neunziger Jahre veröffentlichten und (weit mehr noch als bei Neil Postman) telegenen Studie
Über das Fernsehen (sur la télévision) - es handelt sich um die korrigierte
Transkription zweier Ausstrahlungen von Vorlesungen am Collége de France - griff Bourdieu
erneut auf das Barthesche Konzept des "effet de réel" zurück, ohne dessen Urheber aus
der Anonymität der "Literaturkritiker" herauszuheben.
[36] Bourdieu versteht darunter die
Fähigkeit des Bildes, den Zuschauern etwas vor Augen zu führen und sie zugleich an das
vor Augen Geführte glauben zu lassen. Damit wird der in einem ganz anderen Sinnkontext
entstandene Begriff des "Realtätseffekts" produktiv auf einen Gegenstand bezogen, dem schon
bei Neil Postman (nach dem typographischen Zeitalter) etwas eminent Verdummendes anhaftete.
[37]
Es überrascht daher nicht, dass Bourdieu als Modell für die im Fernsehen ausgetragene
"demokratische Debatte" das Catchen in den Sinn kommt,
[38] hatten Barthes' Mythologies doch just
mit dem Text Le monde ou l'on catche eingesetzt. Vielleicht sollte man daher den Ausführungen
Bourdieus die beiden ersten Sätze jenes Textes voranstellen, welche die kulturell
sanktionierten Gräben zwischen Hochkultur und Massenkultur von Beginn an einebnen. "die
Tugend des Catchens besteht darin, ein exzessives Spektakel zu sein. Hier findet man eine
Emphase, die wohl jene der antiken Theater ist."[39]
Doch die Orientierung Bourdieus an Barthes blieb auf jenen Teil der Schriften beschränkt, die
den Verfasser der Essais critiques im marxisierenden, ideologiekritischen Diskurs und mit der Geste
des Aufklärers zeigen. Denn es ist just jene wissenschaftlich legitimierte gesellschaftliche
Führungsrolle, auf die Bourdieu als kritischer Denker Anspruch erhebt. Hatte Barthes
zunehmend das Auseinanderklaffen zwischen Sprache und Metasprache, zwischen Wissenschaftler und
Schriftsteller, zwischen Objekt und Subjekt beklagt und eine Reihe literarischer beziehungsweise
technischer Verfahren entwickelt, um derlei Spaltungen entgegenwirken zu können, markiert die
Studie Bordieus schon in ihrem Titel ihre dezidierte Metasprachlichkeit, die Position eines
Wissenschaftlers und Intellektuellen, der, mit einem spezifisch wissenschaftlichen Instrumentarium
ausgerüstet, über das Fernsehen spricht und über seinem Gegenstand steht. Die schon
im Vorwort eingenommene Position (und im Fortgang der Analyse pointiert präsentierte
Selbstkonstruktion) ist die eines kritischen Geistes, der Fehlentwicklungen in der Gesellschaft
entgegen treten möchte und dabei im Fernsehen "eine sehr große Gefahr für die
verschiedenen Sphären kultureller Produktion" erblickt.
[40] Als den "Verborgenen Gott", der
über diesen Sphären thront, macht Bourdieu wenig überraschend die Einschaltquote
(und mithin den quantifizierbaren Erfolg) aus,[41]
die als Regelungsprinzip längst in den
unterschiedlichsten Bereichen des Kultur- und Wissenschaftsbetriebs wirke. Quantifizierung als
Strategie der Verdummung - diese Feststellung könnte vom jungen Barthes stammen. Wie Postman
erblickt auch Bourdieu eine weitere Gefahr darin, dass sich das Fernsehen als Ausdrucksform
für das Denken kaum eigne,[42]
ziele dieses Medium doch auf eine Schnelligkeit ab, der allein
noch die stets herbeigerufenen Schnelldenker (fast-thinkers) genügen könnten. Für
derart beschleunigte Kommunikationsformen aber eigneten sich nur noch die Gemeinplätze, die
"idées reçues".[43]
Die Intelligenz, so scheint es, braucht ihre Zeit; Dummheit und Verdummung sind schneller. Die
Zeitersparnis, so könnten wir bezüglich der Verdummung durch tradierte Ideen folgern,
beruht auf ihrer Möglichkeit, Legitimität und Glaubwürdigkeit durch die Herstellung
von Serien des Identischen herzustellen. Goyas Capricho "Hasta su Abuelo" ("Sogar sein
Großvater"), in dem ein Esel dem Betrachter stolz ein Buch mit der Genealogie seiner
eselsohrigen Vorfahren präsentiert, führt diese Strategie der Verdummung (freilich
auf das Subjekt selbst bezogen) vor Augen. Sie gilt selbstverständlich nicht nur für
Medien der Visualisierung. Wen wundert's, dass ein vorgängiger Entwurf Goyas den Titel "El
asno literario" trug?[44]
Wenn die Dummen sprechen könnten
Die intelligente Analyse Pierre Bourdieus enthält nicht wenige Feststellungen, die schon zum
Zeitpunkt von Postmans Studie längst zu Gemeinplätzen einer verbreiteten Medienschelte
geworden waren.45 Was aber soll mit diesen residualen Beständen des Denkens geschehen? Welches
ist der Status jenes Teils des Denkens, der im Wissenschaftsbetrieb idealiter einer Kritik
unterzogen und ausgeschieden wird? Welches also ist die Funktion des Gemeinplatzes für das
Innovative, welches die Rolle der Dummheit für die Intelligenz, wenn wir die Dummheit nicht
mehr als etwas außerhalb Befindliches, sondern in uns selbst Angesiedeltes, in unseren eigenen
Texten Vorhandenes begreifen? Die Schriften von Postman, Baudrillard und Bourdieu - um bei diesen
drei Studien zu bleiben - sind sehr unterschiedlich methodologisch orientierte, intelligente
Analysen ihrer jeweiligen Objektbereiche. Sie bearbeiten unter anderem verschiedene Strategien
der Verdummung und versuchen, diesen eigene Strategien der Entdummung entgegenzustellen. Dabei wird
aber nur die Dummheit der anderen bearbeitet, nicht aber jene Dummheit, jene unreflektierte
Denkgewohnheit, die - so Barthes - "est en lui", die sozusagen im eigenen Körper (des Textes)
steckt.[46]
Wie wir schon einem Konversationslexikon entnehmen konnten, ist mit der Grenzziehung zwischen
dumm und intelligent ein Gefühl moralischer Überlegenheit verknüpft, das sich nicht
nur im Selbstverständnis der eigenen gesellschaftlichen Rolle zeigt, sondern sich auch in
bezug auf konkurrierende Individuen oder Gruppen manifestiert: So urteilt Bourdieu die
Fernsehjournalisten in ähnlicher Weise als Konformisten und Kleinbürger ab, wie dies
der Barthes der Mythologies nicht schärfer (aber gewiss subtiler) hätte tun
können.[47] Oft ist es aber gerade das
moralische Überlegenheitsgefühl, das Dummheit befördert. Man könnte guten
Gewissens von einer eigenen Art der Dummheit sprechen, von der Dummheit des guten Gewissens.
Die Aufklärung immer neuer Strategien der Verdummung, denen unsere Gesellschaften und wir
selbst in immer rascherer Abfolge ausgesetzt sind, erhellt nur die halbe Wahrheit, trennt sie die
Intelligenz von der Dummheit und letztere von sich selber ab. Roland Barthes, so scheint mir, hat
in seinen Büchern über die Dummheit - und dank seiner anhaltenden Faszination - dieses
Dilemma erkannt.[48] Seine Intelligenz bestand
gerade darin, nicht allein der Intelligenz vertraut
zu haben. Goyas "el sueno de la razon produce monstruos" hat auch hier seine Gültigkeit nicht
gänzlich verloren - und es bleibt den Leserinnen und den Lesern überlassen, ob sie diesen
vieldeutigen Spruch mit "Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer" übersetzt sehen wollen oder
in der Übersetzung vielleicht besser noch den "Schlaf" durch den "Traum der Vernunft" ersetzen.
Ist also gegen die sich historisch wandelnde, aber nie verschwindende Dummheit kein Kraut gewachsen?
Die Frage ist falsch gestellt, denn in Wirklichkeit gibt uns die hier behandelte Problematik
drängendere, beunruhigendere Fragestellungen auf. Kann man über Dummheit sprechen,
ohne intelligent zu sein? Kann man über Intelligenz sprechen, ohne Dummheit zu besitzen , also
ohne selbst auch dumm zu sein? Bei seinem Umgang mit der Dummheit der anderen wie auch mit der
eigenen Dummheit ist Gustav Flaubert auf ein Mittel verfallen, das nicht nur Roland Barthes
zweifellos entscheidende Anstöße gab. In seinem ein Schriftstellerleben lang
zusammengetragenen Wörterbuch der Gemeinplätze, seinem berühmten Dictionnaire des
idées reçues - in dem wir ganz im Gegensatz zu den eingangs zitierten intelligenten
Enzyklopädien[49] das Modell einer dummen
Enzyklopädie (und nicht etwa einer
Enzyklopädie für Dumme) erkennen können - durfte gewiss das Stichwort "bête"
nicht fehlen. Stellen wir uns, um es deuten zu können, für einen Augenblick lang dumm,
so wie der Autor von Bouvard et Pécuchet es mitunter tat. Denn dieses Stichwort lauert uns
mit einer semantischen Verstellung auf. Wir treffen bei Flaubert auf eine gerissene Taktik der
Verdummung, die natürlich eine Strategie der Entdummung befördert: "Ah! si les bêtes
pouvaient parler! Il y en a qui sont plus intelligentes que des hommes.
[50] Ach, wenn die Dummen
sprechen könnten ! Wir dürfen am Ende die von Flaubert gegeißelte Dummheit (il
ne faut jamais conclure : nie etwas zum Abschluss bringen) begehen und - in einem deplazierten
Rückgriff auf Marx - zusammenfassen, dass Philosophen, Schriftsteller und Wissenschaftler (und
wir schließen die Vertreterinnen dieser Zünfte nicht aus) die Dummheit bislang nur
verschieden interpretiert haben, es kommt jedoch darauf an, sie bewusst zum Sprechen zu bringen.
[1] Brockhaus. Die Enzyklopädie in 24 Bänden,
20., überarb. U. aktual. Aufl. Bd.6, Leipzig/Mannheim 1997, S.15.
[2] Meyers Enzyklopädisches Lexikon in 25
Bänden,9., völlig neu bearb. Aufl. d.7, Mannheim/Wien/Zürich 1980, S.304.
[3] Ebd.
[4] Encyclopédie ou Dictionnaire raisonnè
des Sciences, des Arts et des Metiers. Nouvelle impression en facsimilé de la premiére
édition de 1751-1780, Bd.8, Stuttgart- Bad Cannstatt 1967, S 565 (Wo nicht anders vermerkt,
stammen alle Übersetzungen vom Verf. des vorliegenden Beitrags).
[5] In seiner berühmten Greguerias der zwanziger
Jahre hat der spanische Avantgardist Ramon Gómez de la Serna am Beispiel des brillentragenden
Arbeiters Ramón Gómez de la Serna am Beispiel des brillentragenden Arbeiters die "intellektuelle"
Funktion der Brille in ein gesellschaftskritisches Licht getaucht: "Ein Arbeiter mit Brille ist
beklagenswert. Mit Hilfe seiner Brille entdeckt er die Ungerechtigkeit seines Schicksals leichter,
er sieht sie besser, er sieht sie wie ein Herr, wie ein Mann der Wissenschaft, wie ein
Intellektueller. Diese Arbeiter in blauen Overalls machen die Sklaverei ihrer Kameraden noch
trauriger, es scheint, als ob sie eine andere Behandlung verdienten, als ob sie von anderem
verstünden und sich aus fatalen Gründen der harten Arbeit widmen müssten. Ihre Brillen
erwecken Mitleid, sie lassen sie keine Kameraden finden, und man fürchtet ihren Blick." R.
Gómez de la Serna, Greguerias, Madrid 1982, S.227. Freilich nimmt die Zahl der Brillenträger
in den westlichen Gesellschaften weiterhin rapid zu, was nicht ohne Auswirkungen auf die Sichtweise
dieses Sehwerkzeugs bleiben kann.
[6] Man findet diesen Satz freilich immer seltener.
Ist dies ein Erfolg früherer "Bildungsoffensiven"? Sind die Doofen ausgestorben? Liegt dies
an einem Rückgang der Dummheit oder der Lesefähigkeit? Wie dem auch sei, graffitiartige
Kommunikationsformen bedienen sich längst vorwiegend nonverbaler Sprachsimulacra. Mit ihren
heute vertrauten Ausdrucksformen wenden sie sich ebenso an Dumme wie an Intelligente, oder genauer:
sie haben den Graben zwischen beiden längst zugeschüttet.
[7] "Nicht mehr und nicht weniger". Dieses
berühmte "Capricho" aus einer für unseren Gegenstand nicht unwichtigen Serie findet sich
in F. Goya, Caprichos-Desastres-Tauromaquia- Disparates. Textos de Alfonso E. Pérez-Sánchez,
Madrid 1979, S.55. Dort findet sich der Hinweis, dass Goya in einer vorbereitenden Studie die Ohren
des porträtierten Esels zunächst kleiner dargestellt hat um gerade damit den Versuch einer
Verhüllung der Dummheit herauszustellen.
[8] H. Schlaffer, Roland Barthes'Intelligenz, in
Merkur (Berlin) Bd.1, Januar 1999, S.62.
[9] Ebd.
[10] Ebd. S.64.
[11] Ebd.
[12] Ebd.
[13] Die Texte Roland Barthes'werden in der Folge
zitiert nach seinen ‘vres Complétes, 3 Bde, edition établie et présentée
par Eric Marty, Paris 1993-1995 unter Angabe von Band und Seitenzahl direkt im Text; zur
Übersetzung vgl. Fußnote 4, hier. Bd.1, S 565f.
[14] Ebd., Bd.3, S.1009.
[15] Ebd., Bd.3, S.133f.
[16] Ebd., Bd.1, S. 584.
[17] Vgl. O.Ette, Roland Barthes. Eine intellektuelle
Biographie, Frankfurt/M. 1998, Kap.4.
[18] A.Mitscherlich, Über Feindseligkeit und
hergestellte Dummheit- einige andauernde Erschwernisse beim Herstellen von Frieden. Mit seinem
Essay von Hans Ebeling, Hamburg 1993, S.15.
[19] A. Glucksmann, Die Macht der Dummheit. Aus dem
Französischen übersetzt von Thomas Dobberkau und Josef Winiger, Stuttgart 1985, S.110.
[20] Ebd., S. 31.
[21] Ebd., S. 30.
[22] Ebd., S. 29. Glucksmanns Äußerungen
zum Verständnis der "doxa" bei den Griechen (Ebd.,m S.14f.) ließen sich leicht mit
Barthes'Vorliebe für das Paradoxon in Verbindung bringen.
[23] "Statistisch gesehen ist der Mythos rechts. Dort
ist er essentiell: wohlgenährt, glänzend, expansiv, gescwätzig, und er erfindet sich
ständig neu. Er erfasst alles: die Formen der Gerechtigkeit, der Moral, der Ästhetik, der
Diplomatie, der Haushaltskunst, er erfaßt die Literatur und die Spektakel." (Bd. 1, S.712)
[24] R. Barthes, ‘vres Complete, Bd. 1, S. 713-716.
[25] Die Widerständigkeit des Mythos wie der
Dummheit belehrte ihn bald eines Besseren. Wie der Mythos der Geschichte und die Dummheit der
Intelligenz setzt auch der sens commun (gegen den Barthes ein Leben lang kämpfte) der
Literaturtheorie einen Widerstand entgegen, der nicht dauerhaft zu brechen ist. Neuerdings wurde
dieser Problematik ein ganzes Buch gewidmet: vgl. A. Compagnon, Le démon de la
théorie. Litérature et sens commun, Paris 1998.
[26] R. Barthes, ‘vres Complétes, Bd. 1,
S. 563.
[27] Ebd., Bd.2, S.1313. In einem im selben Jahr
von Stephan Heath veröffentlichten Interview berichtet Barthes von seinem Wunsch, andere
"Mythen" zu schreiben: "Dies wären neue "Mythologien", die weniger direkt im Sinne einer
ideologischen Denunzierung engagiert wären und sich, so meine ich, ebenmdeshalb auch weniger
für das signifikat, das Bedeutete, engagieren würden: Sie wären vieldeutiger,
fortgeschrittener und in den Signifikanten, das Bedeutende, eingetaucht." (Bd.2, S.1292)
[28] Ebd., Bd. 3.S.219f.
[29] N. Postman, Amusing Ourselves to Death. Public
Discourse in the Age of Show Business, London 1986, S.63, 44, 64.
[30] Ebd., S.99.
[31] J. Baudrillard, Amerique, Paris 1986, S.50.
[32] Ebd., S.51.
[33] Ebd.
[34] Davon betroffen ist auch bei Baudrillard nicht
zuletzt die poltische Dummheit: "die politischen Schwächen und Schwachheiten sind unwichtig.
Man urteilt nur nach dem Bilde" (ebd., S.106f.). Baudrillards Vergleich des Fernsehens mit der
griechischen Tragödie erinnert daran, daß sie Jahre zuvor schon Barthes in einer seiner
berühmtesten Mythologien als Vergleichspunkt mit dem Catchen gedient hatte. Dies bezeugt nicht
nur die Ausstrahlungskraft, sondern auch die Aktualität der Barthesschen Mythen des Alltags am
Ende unseres Jahrhunderts in einer medientechnisch doch so stark umgestalteten Welt, die sich vor
Fernseh- wie Computerbildschirmen noch immer nicht ausreichend zu amüsieren scheint.
[35] P. Bourdieu, Homo academicus, o.O.1984, S.159f.
Damit glaubte er nicht nur, eine imaginäre von einer wirklichen Wissenschaftlichkeit abtrennen
zu können, sondern beleuchtete auch eher unfreiwillig die Existenz unterschiedlicher
Konstruktionsformen des wissenschaftlichen Subjekts innerhalb des akademischen Teilfelds in
Frankreich. Daran mag deutlich werden, daß der Homo academicus nicht nur als analytischer
"observer", sondern zugleich als polemischer "participant" an den Kämpfen innerhalb des
Teilfeldes beteiligt war. Es wäre eine ausgesprochen lohnende Aufgabe, die noch heute
lesenswerte Analyse Bourdieus durch ein umfangreiches Kapitel über die akademische Dummheit
und ihre Strategien der Verdummung zu vervollständigen. Dort käme gerade jenen, die
Ernst Robert Curtius treffend porträtierte und hart als "Fakultätslöwen" oder
"Institutsbarone" zu bezeichnen pflegte, eine tragende Rolle zu. Vgl. a. Busch, Die Geschichte
der Privatdozenten. Eine soziologische sStudie zur großbetrieblichen Entwicklung der deutschen
Universitäten, Stuttgart 1959, S.103f.
[36] P.Bordieu, Sur la télévision,
suivi de Lèmprise du journalisme, Paris 1996, S.20.
[37] In seiner gelungenen Dissertation hat Andreas
Gelz (Postavantgardistische Ästhetik. Positionen der französischen und italienischen
Gegenwartsliteratur, Tübingen 1966) wiederholt auf die bedeutsame Rolle Roland Barthes'innerhalb
des literarischen und intellektuellen Felds Frankreichs aufmerksam gemacht. Völlig
unverständlich bleibt eine von der Zeitschrift Italienisch abgedruckte Rezension Axel
Schönbergers, deren Argumentationsstil des "cela va de soi" hier zu analysieren gewiss nicht
fehl am Platz wäre und die zu keinem Zeitpunkt das Reflexionsniveau der besprochenn Arbeit
erreicht. Immerhin hat sie den Vorteil, als Rezension (und nicht als Artikel) gekennzeichnet zu
sein; vgl. hingegen über "Roland Barthes, Ecrivain" die Neue Zürcher Zeitung vom 9.9.2000.
[38] P.Bourdieu, Sur la television, S.38.
[39] R. Barthes, ‘uvres Complétes, Bd. 1, S.569.
[40] P. Bordieu, Sur la télévision, S.5.
[41] Ebd. S 25ff.
[42] Ebd. S. 30.
[43] Ebd. S.31.
[44] F. Goya, Caprichos, S.53; "literarisch" war (und
ist) dieser Esel gleich in mehrfachem Sinne.
[45] In mehr als einer Hinsicht bemerkenswert ist die
dem Fernsehen gegenüber wesentlich offener Haltung lateinamerikanischer Kulturtheoretiker und
Medienwissenschaftler wie Jesus Martin- Barbero, Beatriz Sarlo oder Nestor Garcia Canclini. Dies
hat nicht etwa mit einer größeren "Naivität" der Vertreter der nueva teoria cultural
zu tun, sondern mit ihrer Einsicht in die Wichtigkeit der kreativen Prozesse kultureller Aneignung,
also der Betonung spezifischer Formen produktiver Rezeption des Mediums Fernsehen, die in Postmans
wie Bourdieus Analysen fast vollständig ausgeblendet bleiben. So erst können die vom
Fernsehen ausgelösten Kommunikationsprozesse in ihrer Komplexität reduziert werden, womit
wir auch hier wieder auf das Wechselspiel von hergestellter Dummheit und inszenierter Intelligenz
stoßen.
[46] bei Bourdieu zeigt sich die Sorge und das
Bemühen um das, was nicht zur Sprache kommt: doch auch hier charakteristischerweise nur beim
anderen: Kommt einmal jemand zu Wort, der nicht als "Wortprofi" (professionel de la parole) gelten
kann, so sagt er selbstverständlich "wirklich außerordentliche Dinge, welche die Leute
nicht einmal denken könnten, die stets das Wort mit Beschlag belegt haben" (P. Bourdieu, Sur
la television, S.36). Hier wird das Andere im Anderen utopisch zum Sprechen gebracht, nicht aber
das andere im Eigenen, die Dummheit der Intelligenz.
[47] "Viel gäbe es über die Moral der
Fernsehleute zu sagen: Sie sind oftmals zynisch und legen einen absolut erstaunlichen moralischen
Konformismus an den Tag. "Sie alle seien die "Sprachrohre einer typisch kleinbürgerlichen
Moral" (Ebd., S.52).
[48] Die von ihm angewandte Antwort auf die
Festsetzung der Dummheit bestand vor allem in einer ständigen Bewegung und Deplazierung, ohne
freilich seine grundsätzliche Strategie der Entdummung aus den Augen zu verlieren. So ließ
er die LeserInnen der Zeitschrift Elle im Dezember 1978 wissen: "Die Dinge nicht revolutionieren,
nein, aber ein wenig schummeln. Sie etwas dünner machen. Sie beweglicher machen. Eine Zweifel
zu Gehör bringen. Folglich das angeblich Natürliche, das installierte Ding
erschüttern." (Bd.3, S.923)
[49] Hierzu gehört zweifellos auch das von
Wolfgang Fritz Haug intelligent, bisweilen auch ironisch gestaltete Stichwort "Dummheit" (sowie
im Anschluß daran "Dummheit in der Musik") in: ders. (Hg.),Historisch- Kritische
Wörterbuch des Marxismus, Bd.2, Hamburg 1995, S. 855-874 sowie S. 874-882. Haug bemerkt ganz
richtig, Marx habe wohl "gespürt, daß das Für-dumm-Erklären selber der Dummheit
verdächtig ist, denn er fährt fort. "Bisher hatten die Philosophen die Auflösung aller
Rätsel in ihrem Pulte liegen und die dumme exoterische Welt hatte nur das Maul aufzusperren,
damit ihr die gebratenen Tauben der absoluten Wissenschaft in den Mund flogen." (Ebd., S.859)
[50] G. Flaubert, Bouvard et Pecuchet. Avec un choix
des scénarios, du "Sottisier", "L'Album de la Marquise" et "Le Dictionnaire des idées
reçues". Edition présentée et étabile par Claudine Gothot- Mersch. Paris
1981, S.493. Die von A. Thibaudet und R. Dumesnil besorgte Ausgabe des Dictionnaire in der
Bibliotheque de la Pléiade überspringt dieses Stichwort - Folge eines apokryphen
Eintrags einer weiteren "Verstellung" oder nur ein dummer Zufall?
aus: Jürgen Wertheimer, Peter V. Zima (Hg.), Strategien der Verdummung. Infantilisierung in der
Fun-Gesellschaft, München, 2001, S.119-139