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Robert Pfaller
Die Fehler der Demokraten

Wirkliche Rechte und eingebildete Linke - Vom Umgang der Anti-Rassisten mit Wörtern und Zeichen

Es ist notwendig, dass etwas unternommen wird gegen die drohenden Entwicklungen in Österreich: Sozialabbau, Gefährdung ziviler Rechte, Entdemokratisierung, Rassismus und das was Franz Schuh treffend die "Verwandlung der österreichischen Bevölkerung in einen Mob" genannt hat. Allerdings kann man bei den Gegenmaßnahmen Fehler machen. Ein möglicher Fehler besteht darin, jeden, der auf solche Fehler hinweist, für einen Feind zu halten. (Selbst wenn jemand seine Hinweise mit so großem Selbsthass und geradezu mit einem Strafbedürfnis vorträgt, wie Liessmann es getan hat, der dafür von "gettoattack" jene Klapse bekam, um die er selbst mit mehreren Bemerkungen gebettelt hatte.) Im Feuilleton ist man unter sich, da kann man oft reden und muss nicht um jeden Preis eine Reihe vielleicht hellsichtiger Argumente Liessmanns wegblocken, indem man sich nur an die weniger hellsichtigen hält. Fehler aufzuzeigen ist auch etwas anderes als Schuld zuweisen. Denn nicht jeder Fehler ist gleich eine Schuld. Auch Leute, die an einer Misere nicht schuld sind, können bei deren Bekämpfung Fehler machen. Und ein Fehler dieser Art besteht wohl darin, zu glauben, dass die Fehler, die man macht, bedeutungslos sind und ohne Wirkung bleiben werden.

Darum sollen in der Folge einige Fehler, die derzeit von manchen Demokraten begangen werden oder begangen zu werden drohen, beschrieben und diskutierbar gemacht werden. Denn die Fehler der Demokraten rächen sich bitter - während die Anti-Demokraten eigenartigerweise gerade ihre Fehler und Verfehlungen (wie Korruption, allzu offenkundige Nazi-Wiederbetätigung, Verachtung der Massen etc.) regelmäßig noch in Stärken und Attraktionen umbuchen können.

Erster Fehler: theoretischer Humanismus. Es gibt einen theoretischen Fehler, der seit längerem die Arbeiten der cultural studies durchzieht, und nun auch die Strategie des Kampfes gegen den Rassismus gefährdet. Zurecht wird darauf hingewiesen, dass Begriffe wie "Rasse" oder "Geschlecht" nichts Vorgegebenes bezeichnen, sondern Konstrukte sind, welche in einer Gesellschaft durch eine Reihe von Praktiken und Diskursen hergestellt werden. Aber der Sinn dieser (von Autoren wie Louis Althusser und Michel Foucault erstmals vertretenen) These wird völlig missverstanden. Denn würde man dasselbe , mit derselben Leichtigkeit, wie zum Beispiel auch von einem Begriff wie "Klasse" behaupten? Indem man den Hinweis auf den konstruierten Charakter von Begriffen nur einigen wenigen wie "Rasse" und "Geschlecht" vorbehält, bekommt dieser Hinweis einen verfälschten Sinn ("Konstruktion" heißt dann soviel wie "bloße Einbildung"), und der Kampf gegen das, wofür diese Begriffe gebraucht werden, erhält dann selbst leicht einen imaginären Charakter. Einer wirklichen Rechten steht dann eine bloß eingebildete Linke gegenüber.

Der Hinweis, dass "Rasse" und "Geschlecht" Konstrukte sind, bedeutet in diesem irrigen Verständnis, dass diese Begriffe nur Konstrukte, nichts als Konstrukte sind - dass man die Sache also so oder auch anders sehen kann, und dass es nur vom eigenen Belieben abhängt, wie man sie sehen möchte. Wer Rassist ist, ist also selber schuld. Er könnte ja auch anders. Der Hintergrund dieses Gedankens ist eine Philosophie, die Althusser und Foucault zu Beginn der 60er Jahre bekämpft haben, und der sie - mit einem Schimpfwort - einen Namen gegeben haben: theoretischer Humanismus.

Der theoretische Humanismus geht aus von der Annahme, dass die Geschichte vom Menschen gemacht wurde, und dass das, was der Mensch gemacht hat, folglich auch vom Menschen wieder verändert werden könne. Die politische Realität bestünde demnach gleichsam aus zwei Substanzen, einer festen, unveränderlichen, natürlichen auf der einen Seite, und einer stets flüssigen, veränderlichen, auf der anderen Seite.

Aber diese Zweiteilung ist durch nichts gerechtfertigt: Menschen können auch Dinge verändern, die nicht von Menschen gemacht wurden (z. B. bringen sie Ozonlöcher zustande, wo vorher von Natur aus keine waren, und sie bringen Alphabetisierung zustande, wo vorher von Natur aus Analphabetismus herrschte). Andererseits tun sich Menschen oft sehr schwer, Dinge zu verändern, die von Menschen gemacht wurden (z. B. können Flaktürme nur schwer wieder weggeschafft werden, und es ist auch sehr schwierig, jenen Analphabetismus zu beseitigen, den Menschen, die schon lesen konnten, durch Fernsehen produziert haben). Anstatt zu fragen, ob etwas von Menschen gemacht ("konstruiert") wurde oder nicht, ist es also viel wichtiger, zu fragen, mit wie viel Kraft eine Sache ihre Existenz behauptet, und wie viel Kraft es folglich kostet, sie zu beseitigen. Mit wie viel Kraft behauptet beispielsweise der Rassismus seine Existenz? Ist Rassismus die Ursache von Rassismus? - Klar gibt es diejenigen, die ihn schüren, mit großer Medienmacht (und staatlicher Presseförderung) und unter Einsatz von Parteiapparaten. Aber was ist mit denen, die dafür empfänglich sind? Ist deren Rassismus nicht ein - wenngleich völlig imaginär verzerrter und "konstruierter" Ausdruck von etwas dennoch Wirklichem? Ist er nicht ein Symptom von etwas - eine Mit-teilung, die zwar anders gelesen werden muss, als sie sich selbst versteht, die aber dennoch auf etwas hinweist, was gerade Leute, die keine Rechten sein wollen, sehr genau wahrnehmen sollten? Steht hinter dem Rassismus - sowohl derjenigen, denen er nützt, als auch derjenigen, die nur glauben , dass er ihnen nützt, - nicht die Klassenspaltung der Gesellschaft?

Hat es also Sinn, von Rassismus zu sprechen, ohne zugleich von Klassendifferenz zu sprechen? - Probleme der Integration betreffen Leute, die in Arbeiterbezirken wohnen, in ungleich höherem Maß als solche, die in bürgerlichen Bezirken wohnen. Die Angst vor Ausländern ist auch die Angst, gegenüber den anderen, privilegierten Inländern weiter deklassiert zu werden (z. B. dass die eigenen Kinder weitaus schlechtere schulische Bedingungen vorfinden als die der Bürger etc.). Dass die Geängstigten sich in der Folge nicht gegen die Starken empören, sondern gegen die Schwachen; nicht gegen die anderen Inländer, ist schlimm, aber vielleicht nicht unveränderbar.

Bei der Veränderung könnte es allerdings hinderlich sein, wenn diejenigen, die sie betreiben, den realen Gehalt des rassistischen Symptoms überhören und die Empörung als unbegründet und nichtig hinstellen, anstatt sie dorthin zu lenken, wo sie ihren Platz hat. Die Kräfte, die bestehen, kann man immer nur bekämpfen, indem man sie umlenkt oder sie gegen sich selber kehrt. Diese Möglichkeit besteht auch jetzt, sie scheint aber durch weitere Fehler gefährdet....

Hände weg vom Zeichen-Diebstahl

Der Gebrauch linker oder wenigstens liberaler Zeichen und Elemente hat immer auch etwas an sich, das selbst mit den Mitteln theoretischer Analyse erkannt und behandelt werden muss: neben allem anderen dient er auch der Eitelkeit. Elemente der Postkolonialismus- oder Gendertheorie zum Beispiel sind nicht nur Instrumente der Erkenntnis, sondern zugleich auch symbolisches Kapital, durch dessen Aneignung ein Kulturschaffender gegenüber dem anderen Prestige und Distinktionsgewinne einzufahren hofft.

Er nützt nicht nur der Sache, sonder auch dem Bild, das man von sich selbst aufbaut und vermittelt. Man bildet sich nicht nur ein, fortschrittlich zu sein, sondern man bildet sich auch etwas darauf ein. Wenn diese auf das Selbstbild bezogene, narzisstische Dimension des anti-rassistischen Engagements übersehen wird, können schwere und folgenreiche strategische Fehler entstehen - bis hin zu einer allgemeinen Unfähigkeit zur Strategie.

Wenn man zum Beispiel den Rassismus zu bekämpfen versucht, indem man als erstes den Vorwurf des Rassismus erhebt, so besteht die Gefahr, die Bindung zwischen der für Rassismus empfänglichen Bevölkerung und jenen Apparaten, die ihn schüren, zu verstärken, anstatt sie zu durchtrennen.

Man operiert dann nicht geschickter als die Nato im Kosovo: man bombardiert die Zivilbevölkerung (in diesem Fall mit dem Rassismusvorwurf) und verstärkt damit nur deren Anhänglichkeit an die Partei- und Medienapparate, die man treffen wollte.

Ebenso besteht die Gefahr, dass man durch falsche Strategie mögliche Bindungen zwischen Zivilbevölkerung und anti-rassistischen Apparaten von vornherein verhindert. Trägt es denn nicht auch zur reaktionären und rassistischen Grundstimmung der Leute in Österreich bei, dass eine gebildete Elite ihnen ständig die linken Zeichen klaut (um sie als symbolisches Kapital zu benutzen)? Muss man nicht überlegen, ob man durch das Einnehmen einer Pose andere vielleicht eher davon "abtörnt", dieselbe Pose einzunehmen?

Klarerweise haben andere die Verbindung zwischen Bevölkerung und Intellektuellen in Österreich noch viel gezielter und massiver durchschlagen bzw. von vornherein unmöglich gemacht. Ein hochrangiger Politiker, der selbst wie kaum ein anderer geeignet scheint, das Bild einer zynischen Schickeria zu verkörpern, hat das immer konsequent betrieben, indem er unter Gebrauch des Begriffs "linke Schickeria" den Neid der Bevölkerung auf jene lenkte, die tatsächlich wohl kaum mehr Geld verdienen als diese Bevölkerung und die im übrigen auch keine schicken Porsches fahren.

Dennoch muss man sich fragen, ob nicht der eigene Zeichengebrauch gelegentlich auch - unbeabsichtigter Weise - solche Wirkungen hervorruft. Das Logo der "Demokratischen Offensive" zum Beispiel scheint Ergebnis einer solchen Ungeschicklichkeit, eines unbeabsichtigten Zeichen- Diebstahls, zu sein:

In einem runden Feld ist eine Handfläche zu sehen, darüber ist die Aufschrift "Keine Koalition mit dem Rassismus!" gedruckt. Die offene Handfläche, Geste des Stoppens, ähnelt jener, mit der die französische Bewegung "SOS Racisme" Mitte der 80er Jahre sehr erfolgreich zu operieren begann. Es gibt jedoch Unterschiede. Auf der (übrigens viel krakeliger und skizzenartiger gezeichneten) Hand von "SOS Racisme" stand ein anderer Text:
"Rühr meinen Kumpel nicht an", in Handschrift geschrieben. Die jetzige Hand mit dem gedruckten Text ist ein Verlust. Sie verliert das Entscheidende, das den Erfolg des anderen, früheren Zeichens ausgemacht hat. Denn sie sagt schlichtweg nur "Wir sind "anti-rassistisch" und appelliert bestenfalls an die anderen: "Bitte werdet es auch."

Der Text ist abstrakt, allem Anschein nach von Intellektuellen verfasst (das Wort "Koalition" ist darin eine Metapher), er ist über die Hand und nicht auf sie geschrieben, und das noch in Druckschrift. Die Hand, ohnehin abstrahiert und also einfach irgendeine Hand, ist damit nicht einmal mehr eine Hand, sondern nur noch eine Art Verkehrszeichen, ein aus dem Fundus des visuellen Codes entnommenes "Stopp" - Symbol, das als Hintergrund und Illustration für einen Text dient.

Auch der Appell der "Demokratischen Offensive" sagt unterschwellig: "Bitte bleibt Rassisten, damit wir es euch weiter vorwerfen können". Das Zeichen von "SOS Racisme" dagegen hatte ganz anders operiert. Es hatte nicht einfach ein beliebig wiederholbares Symbol eingesetzt, sondern vielmehr eine ganz bestimmte kleine Geschichte dargestellt - nämlich, dass sich jemand diesen Text wie einen Vorsatz selbst auf die Hand geschrieben hat, um ihn, falls notwendig, jemand anderen zu zeigen. Und die Person, der diese Hand gehörte, war offensichtlich eine, der es nicht um etwas Abstraktes, Diffuses ging, sondern um etwas sehr Konkretes, Persönliches, (geradezu Watschen-) Einfaches. Es war jemand, der wohl mit den Händen arbeitete und der dabei Kumpel hatte, die ihm nicht gleichgültig waren.

Anstatt stolz und narzisstisch zu betonen "Wir sind Anti-Rassisten", hatte das von "SOS Racisme" entworfene Zeichen also den Arbeiterinnen und Arbeitern signalisiert: "Du bist Anti-Rassist". Es hatte nicht eigenen Stolz, sondern fremden ermöglicht. Und es war damit nicht nur ein Appell, sondern besaß tatsächlich die Kraft, Affekte umzulenken. Den es konnte gerade diejenigen, die in Gefahr waren, vom Rassismus erfasst zu werden, in Kämpfer/ innen gegen den Rassismus verwandeln....

[Robert Pfaller ist Assistent an der Universität für künstlerische und industrielle Gestaltung in Linz]